Trailing spouse, mitreisender (passiver) Partner war ich ja bisher gewohnt im Netz als Bezeichnung für uns Expat Partner zu lesen. Diese fetten, provozierenden Namen konnte ich inzwischen mit Gelassenheit vorbei winken. Aber sponsored spouse zu lesen – das hatte nochmal eine etwas andere Qualität. Nachdem ich also erstmal in meinem Newsfeed über diesen Artikel rüber gescrollt hatte, scrollte ich zurück. Vielleicht in der Hoffnung, daß ich mich wohl doch verlesen hatte. Aber nein. Also las ich gezwungenermaßen den Artikel, immernoch still in der Annahme, dass die Überschrift nicht das wirkliche Thema war.
 

Der Artikel gefiel mir letztendlich doch, allerdings kam die Autorin zu dem Abschluss, dass die trailing spouse kein schlechtes Gewissen haben sollte, dass allein ihr Partner für die Miete, alle Rechnungen und alle anderen wichtigen Dinge aufkam. Vielmehr sollte sie dankbar sein, dass sie die Möglichkeit zu diesem “finanziellen Aussetzer” überhaupt im Leben hatte. Bis heute denke ich über dieses Statement nach.
 
 
 

Leben in Hülle und Fülle


 
 
Blumen

 

Meine finanzielle Abhängigkeit begann nicht erst mit unserer Entsendung, sondern einige Zeit vorher, als ich mich entschloss anstatt berufstätig zu sein, doch lieber zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Die Kinder waren noch sehr klein und mein Gehalt niedriger als das meines Mannes, obwohl wir beide die gleiche Ausbildung haben. Jedenfalls fiel mir der Entschluss nicht leicht. Schließlich sollte sich doch mein Studium und der Schweiss der harten Arbeit irgendwann auch für mich auszahlen. Neben meinem 40 Stunden Job hatte ich auch ein Abendstudium absolviert und über zwei Jahre lang BWL gebüffelt und erreichte am Ende einen sehenswerten, sehr guten Abschluss. Alle Vorzeichen standen definitiv auf Karriere.

 

Ich glaube niemand von meinen Arbeitskollegen /-innen oder auch Kommolitonen /-innen hätte damals gedacht, dass ausgerecht ich mal einfach zu Hause bei der Familie bleiben würde. Ich damals auch nicht. Nach der Geburt der Kinder ging ich also schnell wieder Vollzeit arbeiten – nur der Glückszustand und die Zufriedenheit im Beruf stellte sich irgendwie nicht wieder ein. Im Gegenteil. Ich war zunehmend unglücklicher meine Kinder nicht aufwachsen zu sehen. Was ich damit meine ist, dass ich meinen Job unglaublich vermisste, als ich noch in Elternzeit war, aber meine Kinder irgendwie noch mehr vermisste, wenn ich
 
 
arbeitete. In einem gemeinsamen Gespräch mit meinem Mann entschieden wir also, dass ich den Job und auch die baldige Karriere zumindest vorerst an den Nagel hing. Ich suchte mir einen Teilzeitjob, der absolut unter meinen Fähigkeiten lag, mich aber glücklich machte. Allerdings mit einem echten Mini-Einkommen.
 

Wir waren und sind uns absolut darüber bewusst, dass nicht jede Familie die Wahl zwischen arbeiten oder zuhause bleiben hat. Insofern also, stimme ich mit der Autorin absolut überein: es ist ein echter Luxus, auf gewinnbringende Einnahmen in der Familie und auch für sich selbst verzichten zu können.
 
“Gewinnbringend” ist hier in der Tat das Stichwort.
 
Für mich war es damals gewinnbringender zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Ich gewann Glück und Zufriedenheit und dies übertrug sich auf die ganze Famlie. An dieser Stelle wird hoffentlich deutlich, dass ich nicht wieder eine Grundsatzdiskussion auslösen möchte, ob die arbeitende oder die stay-at-home-mom die Bessere sei.

Neben Zufrieden- und Entspanntheit wehre ich mich aber doch alles auf Dankbarkeit zu reduzieren. Mein Mann und ich haben geheiratet, dass war eine gemeinsame freie Entscheidung, genauso wie die Entscheidung Kinder zu bekommen. Wohin uns der Weg mit gemeinsamen Kindern emotional also führte, konnten wir ja nicht abschätzen.
 
Soll ich nun für die finanzielle Umverteilung innerhalb unserer Familie, die auf gemeinsamen Entscheidungen basiert dankbar sein?
 
 

Ein weiterer Schritt in die finanzielle Abhängigkeit


 

Als dann die erste Entsendung kam, war es also für mich kein allzu großer Schritt mehr hinaus aus der Berufstätigkeit und hinein in das “Vergnügen”. Doch natürlich hatte ich dennoch große Zweifel mit zwei kleinen Kindern, nicht nur mein Heimatland zu verlassen, sondern gleich auf einen anderen Kontinent zu ziehen. Asien kannte ich bis dato nur aus den Medien wegen der schlechten Luft, weil die Einwohner Hunde essen, immer lächeln und das Peace Zeichen zeigen. Kurzum, ich hatte überhaupt keine Ahnung.
 

Und obwohl ich ja nun schon einige Zeit finanziell von meinem Mann abhängig war und die Albträume deswegen inszwischen aufgehört hatten, war es nochmal ein krasser Einschnitt in punkto Abhängigkeit für mich. Meine kleine Teilzeitstelle kündigte ich und fortan war es mir in Asien grundsätzlich erstmal verboten, überhaupt den Arbeitsmarkt heimzusuchen. Das fühlte sich erst recht komisch an.
 

Nun denn. Gemäß dem “sponsored spouse” Artikel war ich ja nun relaxed gesponsert. Schließlich klingt dieser Auslandsaufenthalt für die meisten Außenstehenden Menschen wie ein Langzeiturlaub. Gepaart mit viel Sonne, dem Meer vor der Tür erwecken diesen Eindruck sicherlich auch viele Entsendungsländer. Manche aber auch nicht. Und der Alltag findet zumeist auch nicht am Strand statt.
 
 

War ich nun gesponsored? Gesponsored von unserer arbeitenden Familienhälfte? Wofür? Fürs angebliche nichts tun? Für den easy way of life? Was eigentlich ist sponsoring?
 
 

Nicht schuldig fühlen


 

Dankbar sein und nicht schuldig für das nicht selbst verdiente Geld fühlen – so schrieb es die Autorin vom besagtem Artikel. Sicher bin ich dankbar. Für vieles in meinem Leben. Fast jeden Tag versuche ich Achtsamkeit zu üben und auch die kleinen Details in meinem Leben zu sehen. Jedes lächeln meiner Kinder und jede Blume, jeden neuen Geruch sauge ich auf. Aber zugegeben, vieles haut mich in dieser neuen Umgebung auch einfach aus den Latschen. (In Holland heißen die Stiefel übrigens Larzen – dankbar sein, fuer soviel Wissen!) Manchmal wird mir vom Weihrauch der aus den Gebetstempeln verdampft, schlichtweg übel. Wenn ich tief in der Großstadt bin, bekomme ich von soviel Co2 in der Luft einfach kein Fünkchen Sauerstoff mehr ab.
 

Insbesondere unsere ältere Tochter hat einen riesen Kulturschock. Sie fürchtet sich vor den anders aussehenden Menschen. In der Woche, als mein Mann auf Reisen geht, übergibt sich erst ein Kind Nachts im Bett und dann das Andere. Ich flitze die ganze Nacht zwischen den Kinderzimmern und Badezimmer hin und her und wechsle zwischendurch die Bettwäsche und weiss gar nicht, wie ich ein Kind sauber machen soll während das Andere noch immer über der Schüssel hängt. Mein Mann schickt mir eine Textnachricht, dass er in seinem Hotel gut angekommen sei.

Als bei meinem Einkauf meine Bankkarte wieder einmal von der ausländischen Bank aus Sicherheitsgründen gesperrt wird, sitzt mein Mann für die nächsten 13 Stunden im Flugzeug und ist telefonisch nicht erreichbar. Die Bank selbst unterhält sich mit mir erst gar nicht. Während ich bei Notfällen noch in der Heimat meine Eltern, Schwiergereltern, Freunde und Verwandte um Hilfe bitten konnte, bin ich nun völlig auf mich allein gestellt. Mit ausgesprochen guten pfadfinderischen Überlebenstechniken spüre ich eine nette Nachbarin auf, deren Karte die Bank auch schon diverse Male gesperrt hatte. Sie hilft mir für ein paar Tage mit Geld aus, damit ich Wasser und Lebensmittel zahlen kann. Wie entwürdigend. Nachdem ich nicht vor Scham gestorben bin, sehe ich mit aller Vorfreude auf mein gesponsertes Leben in der Ferne. Als die vier wöchigen Winterferien anbrechen und wir aufgrund des Jahresabschlusses im Job meines Mannes leider nicht wie viele andere verreisen können, recherchiere ich im Netz, wie ich fern der Heimat ohne Ponyhof und Tante Marta um die Ecke, die Zeit mit zwei kleinen Kindern so aufregend wie möglich verplanen kann.
 
 

Das kleine Familienunternehmen


 

Wir sind eine Familie. Vater, Mutter und zwei Töchter. Damit alle zufrieden sind, muss jeder einmal irgendwo Kompromisse eingehen. In unserem Fall, hieß das, einer geht arbeiten und einer bleibt zu Hause. Alle sind zufrieden. Und eines ist ganz besonders klar: Mein Mann ist ein Familienmensch. Die Entsendung war eine echte Option für mich, kein Muss. Hätte ich anders entschieden, wären wir in der Heimat geblieben. Natürlich auch zum Nachteil seiner beruflichen Laufbahn. Er will ohne seine Kinder nicht sein – ohne mich natürlich auch nicht. Aber, dass ich und die Kinder zu Hause geblieben wären und er im Ausland und hin und wieder auf Heimatbesuch, war insbesondere für ihn undenkbar.
 

Wir beschlossen gemeinsam und gingen alle gemeinsam. Er kann beruflich vorankommen und wir verlassen dafür die Comfort Zone. Wäre ich nicht da und mein Mann müsste eine Hausfrau und Nanny einstellen, bräuchte er jemanden der den Haushalt wuppt, einkaufen geht, kocht, putzt, die Wäsche macht, die Kinder abholt und sie immer emotional aufbaut, wenn es ihnen mal schlecht geht. Ist er auf Reisen, braucht er auch für nachts jemanden im Haus. In Asien alles kein Problem, doch in Europa ist das anders. Aufgrund der Arbeitsgesetze müssten auf jeden Fall täglich zwei Haushaltshilfen einspringen und für deren Urlaubszeit noch eine Dritte. In manchen Expat Destination bezahlbar, in anderen absolut nicht.
 

Wenn ich also auf mein Leben so blicke, bin ich natürlich dankbar, dass ich ein weitgereister Partner bin und mein Leben so bunt und vielseitig dadurch wird. Inzwischen weiss ich, dass nicht alle Asiaten Hunde essen und nicht immer das Peace Zeichen lächelnd winken. Es hätte aber auch mein Mann sein können, der an meiner Stelle die Begleitung wird. Wir sind eine Famile da draußen in der Prärie und ähnlich einem Zahnrad läuft es nur für alle, wenn alle mitmachen. Oft sind wir mitreisenden Partner auf uns allein gestellt. Zu anfangs auch oft sprachlich isoliert und manchmal einsam, während der arbeitende Part einfach in seine gewohnte Unternehmenskultur eintaucht. Wir sind in der Tat oft dankbar, manchmal aber auch verzweifelt und fast immer ohne Lob.
 

Doch gesponsort, dass sind wir sicherlich nie! Bei all dem Aufwand, den wir betreiben, damit das Leben in der Fremde funktioniert, für jeden einzelnen von uns, sollten wir am Ende eigentlich noch jeden Monat eine dicke Prämie plus Risikozuschlag heraus bekommen.
 
 

Folie07

Das bin ich, Julia Meier. Seit 2012 lebe ich mit meiner Familie ausserhalb der heimischen Comfort Zone. Die Niederlande fühlen sich nun nach den zwei exotischen Ländern wie Thailand und Kolumbien nicht mehr wirklich wie Ausland an, überraschen uns jedoch trotzdem und lassen uns unser eigenes Leben weiter um lebendige Erfahrungen anwachsen. Seit ca. 1 Jahr stelle ich mit Constance den Blog und seine Beiträge zusammen und finde die vielen Geschichten, die wir alle fern unserer Heimat erleben, unglaublich spannend.
 
 
 
 
 
 
 
 

1 Comments:

  • by JayJay Jul 17/2016

    Wir sind am überlegen, uns als Expatriates entsenden zu lassen. Deine positive Sichtweise bestärkt uns immer mehr, es zu versuchen