24Jun
2016

Meine ganz persönliche kleine Schwäche

peep
Gehörst Du auch zu den Menschen, die aufgrund der Gepäck-Freigrenze jedes Jahr überlegen, ob sie ihr Expat-Budget dafür opfern Business Class zu fliegen, weil sie dann soviiiiieeeeellll mehr einkaufen und ins Gastland mitnehmen können?
 

Ich jedenfalls muss gestehen, dass dies ein nicht unwesentlicher Punkt bei der Planung meiner einmal jährlichen Deutschlandreise ist. Nehmt mich hier bitte nicht so ganz ernst. Das mag „spoiled“, „bekloppt“ oder ähnlich klingen, doch wer ein ganzes Jahr in einem Entwicklungsland ohne deutsches Brot und vielem mehr auskommen muss, versteht meine Tendenz lieber Business Class zu fliegen vielleicht:
 
 
Die Differenz der erlaubten Kilozahl bei einem Business Class Flug erweitert sich sensationell für uns drei Personen, um ganze 54 kg mehr.(und Kinder zählen, dem Himmel sei Dank, bei Gepäck voll mit)

 
 

Spass am KofferBand – reisen ist toll!

 

Insgesamt stehen sich also 192 kg mit 138 kg Fluggepäck je nach Reiseklasse gegenüber. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Viieerrrunnnnddfüüüünnnnffzig KILO!!! mehr! Was es sich dafür alles kaufen lässt… Schuhe, Haribo, Kosmetik… aber ich schweife schon ab. Zu meinen Einkäufen später mehr!
 

Wir fliegen also los. Erlaubt sind 2 Maxi Size Koffer pro Person, also 6 Koffer insgesamt und die nehmen wir auch mit: 4 Koffer davon sind leeeerrrrr!
 
Und das ist nicht so ganz unproblematisch.
 

So zog ich doch im letzten Jahr neben 2 vollen Koffern auch 4 total verdötschte leere Hartschalen-Koffer vom Band. Weil nichts drin war, haben die schweren, fremden Kofferbiester meine fast erdrückt. Aber eben nur fast.Mitleid-habende Reisegäste empfahlen mir die Koffer doch umgehend bei der Fluglinie zu reklamieren. „Unmöglich, wie die hier mit Gepäck umgehen. Das bekommen sie auf jeden Fall ersetzt!“ Ich sah die Dame nur wortlos an, öffnete meinen leeren Maxi Size Koffer vor aller Augen und drückte einmal die Plastikverschalung von innen nach aussen und Voila! – wie neu! Das Gleiche machte ich mich Koffer Nummer 2, Nummer 3 und Nummer 4. Spass am Koffer-Band – reisen ist toll!
 

Das nächste Mal muss unbedingt jemand die Gesichter filmen! – Vielleicht ist dies auch DIE neue Idee für den Werbespot eines namenhaften Kofferherstellers.
 

Jedenfalls, nachdem nun dieses Jahr alle 6 Koffer der MAXI SIZE Grösse – entschuldigt, aber dieses Wort macht mich einfach immer so glücklich – am Kofferband UNzerdödscht auf mich zurollten und ich dachte, der Spass vom letzten Jahr könne sich nicht wiederholen – sagte ich zu Mini- Princessa, sie möge doch bitte die Koffer vom Rollband ziehen.
Und so zog Mini-Princessa mit einer Grösse von 1 Meter 20 den 71 cm grossen, dicken Koffer vom Band – auch hier fehlte die versteckte Kamera. Probiert es mal aus!
 
 

Positiver Stress ist wunderbar


 

Der richtige Stress für mich begann erst beim Betreten meiner Lieblings-Drogerie-Markt-Kette. Ein Jahr war ich hier nicht mehr Kunde gewesen! 365 Tage! Was ist es doch schön hier drin. So modern, so aufgeräumt, soooo toll! Und während ich noch einen letzten Blick auf meine geplante Einkaufsliste werfe – greife ich auch schon ins „Alnatura“ Regal. Eigentlich mochte ich die trockenen Gluten-freien Kekse noch nie, aber die gibt es einfach nicht bei uns.
 

Und ehe ich es merke, setzt mein Verstand aus und ich bin wie ein Kind in der Spielwarenabteilung – haben, haben, haben.
 

Ich kaufe Tee, obwohl ich Kaffee-trinker bin, bewundere die neuen Innovationen der Fusspflegeprodukte von Scholl und greife erneut zu. Pediküre war in Thailand eine Wellnesserfahrung – in Kolumbien ist es eher die Schrubb- und Ekelerfahrung und so mache ich es zukünftig lieber selbst. Desinfektionsprodukte landen neben Geschenkpapierverpackung in meinem Einkaufswagen. (Papierindustrie gibt es in Kolumbien nicht und so ist alles aus Papier schweine teuer) Am liebsten hätte ich auch den Wagen mit Klopapier vollgepackt, dass war mir dann allerdings doch zu peinlich.
 

Bei H&M werden die Princessas erstmal von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Nicht, daß es in Kolumbien keine Bekleidung für Kinder gäbe, aber Rüschen an Blusen und Blümchen-Pullis sind nicht wirklich mein Geschmack und ich hoffe, er wird auch nie der von meinen Kindern sein. Und das man von Acrylsocken Stinkefüsse bekommt, ist denen anscheinend auch noch nicht aufgefallen.

Wisst ihr eigentlich, was es für eine Herausforderung bedeutet, jedes Jahr erneut aufgrund der zwei heranwachsenden Kids vorausschauend für das kommende Jahr Pullis, Tshirts, Longsleeves, lange Hosen, kurze Hosen, Kleidchen, Badesachen, Aqrylfreie Unterwäsche und Socken einzukaufen? Und damit ist noch nicht die Problematik eingeschlossen, im Hochsommer in Deutschland auch Herbstware zu finden.
 
 

Ich betone den Schwierigkeitsgrad deswegen so extrem, weil ich auf Euer Verständnis hoffe, falls ihr im nächsten Jahr an der Kasse hinter mir steht. Das bedeutet nämlich für Dich Wartezeit. Echte Wartezeit!


 

An dieser Stelle, wenn es also um das Bezahlen geht, bitte ich auch jedesmal um einen Tax Free Beleg. Und zwar bitte maschinell erstellt, damit ich am Flughafen beim Zoll auch sofort die deutsche Mehrwertsteuer ersetzt bekomme. Als im Ausland-Lebende-Deutsche habe ich mir nämlich meinen Auslandswohnsitz im Reisepass eintragen lassen und bin so von der deutschen Mehrwertsteuer befreit.

Dies allerdings nur, wie schon erwähnt, bei einem maschinell von der Kasse ausgedruckten Beleg. Ist der Beleg handschriftlich auf einem Tax Free Formular verfasst, kann ich mir erst bei meinem nächsten Besuch in Deutschland die Mehrwertsteuer in dem Geschäft, wo ich zuvor gekauft habe, an der Kasse wieder auszahlen lassen.
Das ist umständlich und nervig. Ausserdem benutze ich gern das erstattete Geld für meine nächste Ankunft in Deutschland, wenn ich mit dem Taxi in die Ferienwohnung fahre.
 

Inzwischen weiss ich also aus Erfahrung, welche Geschäfte keinen maschinell erstellten Beleg ausdrucken. Daher an dieser Stelle: liebe Mitarbeiter der Ketten von S Oliver, Esprit und diversen Schuhgeschäften, kennt ihr eigentlich die Stelle in Pretty Women, wo Julia Roberts mit voll gepackten Tüten in das Bekleidungsgeschäft zurück geht, welches sie vorher nicht bedienen wollte und sagt: “ Sie bekommen doch Provision, oder? Wie blöd von Ihnen! Wie blöd. Hier kauf ich nichts!“

Ich bin zwar nicht Julia Roberts sondern Julia M. aber ich bin ein zahlungsfreudiger Expat, dem es extrem ernst und wichtig ist, sich für das nächste Jahr mit allem auszustatten, was das Herz begehrt.
 
Und wir Expats sind eine wachsende Gesellschaft, so gross wie 2 Mal die Einwohner Kanadas plus 2 Mal die Einwohner Australiens und das Ergebnis dann mal zwei. Das sind in etwa 220 Millionen Expats weltweit (das sagt zumindest Pico Iyer). Tja, „Que peina con usted“ liebe Verkäufer, sagt die Kolumbianerin in mir.
 
 

Kaufrausch pur


 

Im Aldi spielt ja die Menge im Einkaufswagen für die Wartezeit bekanntlich keine Rolle. Während die Lebensmittel und Wochenangebote in Lichtgeschwindigkeit über den Scanner fliegen, erliege ich beim „re-entry packing“ in den Einkaufswagen schwitzend der Herausforderung. Ich bin einfach aus der Übung!
 

Und dann das Highlight meiner Shopping Reise: das schwedische Möbelhaus. Hier glüht mein Herz. Und wenn mir in diesem Moment jemand die Frage gestellt hätte, wo ich Zu Hause bin, dann wäre die Antwort „Genau Hier“ gewesen.
Wie konnte ich nur in ein Land ziehen, welches kein Ikea Geschäft beherbergt!!! DAS, passiert mir nicht nochmal!
Während Servietten, Bettwäsche und andere Kleinteile prima noch in den 192 kg Gepäck unterzubringen sind, google ich schnell mal die Konditionen für Übergepäck. Mini-Princessa wünscht sich ein Hochbett. Sowas gibt es nämlich in Kolumbien nicht. Nur Camerotes, soll heissen, Etagenbetten. Aber in diesem Fall sind die Seitenteile des Ikea Bettes für die Aufgabe von Übergepäck zu lang! Ob ich wohl bei einer Spedition für eine Luftfrachtversendung nachfrage?
 
Am Ende unserer Auszeit im Heimatland beginne ich also drei Tage vor Abflug die Koffer zu packen. In userem 40 qm grossen Ferien-Appartment reiht sich ein geöffneter Koffer an den den Nächsten. Wie der Storch im Salat hüpfe ich zwischen den Transportbehältern hin und her und verteile Vitamin C Brauseröhrchen, Durchfallmittel, Shampoo, Senftuben, Salata-Flaschen, Maggi Fix Tüten, Dröpje per Dröpje einzeln auf die Koffer.
 

Dröpje per Dröpje deshalb, damit, falls ich einen Koffer in Kolumbien öffnen muss, ich nicht aufgrund der hohen Anzahl der gleichen Mitbringsel des Handels damit verdächtigt werde und diese im schlimmsten Fall abgeben muss. Welch Albtraum! Dann heisst es wiegen, wiegen, wiegen … mit meiner Kofferwaage, die ich um die Tragegriffe binden muss und dann: hoch die Koffer! Sechs mal heisst es für mich 32 kg je Koffer zusammen zu puzzeln! Sollte die Kilozahl nicht exakt aufgehen, muss ich wohl nochmal los und was „nachkaufen“.
 
 

Sieg über das schlechte Gewissen


 
Folie07

Die Nacht vor unserem Abflug träume ich von unserer Ankunft in El Dorado, dem Flughafen von Bogota. Ich träume allerdings nicht von verloren gegangenen Gepäckstücken, aber von Schnüffelhunden. Suchhunde für Shampoo und Maggi Fix Tüten. Die Hunde laufen am Kofferband auf und ab. Ein Hund kommt auf mich zu… und aus unserer eigenen Hundeausbildung weiss ich, dass, wenn er sich setzt, es das Signal ist, dass er etwas gefunden hat…. und in meinem Traum setzt sich der Hund direkt auf meinen Kofferstapel. OH NO!
Ich werde gefragt, ob ich Shampoo und Maggi Fix Tüten mitgebracht habe. Natürlich nicht!!! „Estas segura?“ „Bist Du sicher,“ werde ich gefragt. Si, si…. der Wecker klingelt. Ob ich wohl lieber alles wieder auspacke?
 
 

Die Realität des Abreisetages ruft. Es gibt kein zurück mehr. Und so machen sich 192 kg auf, von Düsseldorf nach Bogota geflogen zu werden.


 

Und an alle denen es in diesem Sommer beim Rückflug ähnlich ergangen ist:
 

Vergesst die Sätze wie „Leute mit leichtem Gepäck kommen am besten durchs Leben “ von J. Bosshart. Sondern werdet ein Hermann Löns Liebhaber und flötet beim einchecken: „Das wichtigste Stück des Reisegepäcks ist und bleibt ein fröhliches Herz“
 
Bis zum nächsten Jahr am Kofferband
 
 
 
Folie07Das bin ich, Julia Meier. Seit 2012 lebe ich mit meiner Familie ausserhalb der heimischen Comfort Zone. Die Niederlande fühlen sich nun nach den zwei exotischen Ländern wie Thailand und Kolumbien nicht mehr wirklich wie Ausland an, überraschen uns jedoch trotzdem und lassen uns unser eigenes Leben weiter um lebendige Erfahrungen anwachsen. Zukünftig werde ich nun mein Projekt Hund in den Vordergrund stellen und habe daher meine Zusammenarbeit mit Constance zumindest auf dieser regelmäßigen Basis beendet. Dennoch bleibe ich als Leserin ein treuer Begleiter.
 
 
 
 
 
 

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